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Sag wie hältst du es mit dem Feminismus?

Die JA Essen hat diesen Tweet abgesetzt. Zu sehen ist ein Stapel Küchentücher, versehen mit dem Slogan „Das einzige Tuch das Frauen brauchen!“ Die Aussage ist klar: Einerseits stellt man sich gegen das Kopftuch, andererseits weist man den Frauen den Platz in der Hausarbeit zu. Natürlich nur ironisch, zwinker zwinker zwinker. Hier zeigt sich wieder einmal ein altes Problem: Der instrumentelle Einsatz für die Sache der Frauen, solange es mit den eigenen Zielen korreliert. Dieses Phänomen lässt sich in vielen Kreisen beobachten, aktuell vor allem in der Auseinandersetzung mit dem politischen und konservativen Islam.

Die AfD geriert sich als Beschützerin der Frauen, was immer wieder mit der Phrase „Wir schützen unsere Frauen“ zum Ausdruck gebracht wird. Die Besitzverhältnisse werden auch gleich noch klargestellt, die Frauen gehören (zu) uns. Außerdem wird ihnen völlig selbstverständlich die Rolle des schwachen Geschlechts zugewiesen, welches männlichen Schutz benötige. Alleine können sie es in dieser Lesart nicht. Und wenn es „unsere Frauen“ gibt, dann muss es auch „andere Frauen“ geben. Die interessieren aber nicht, es sollen nur „unsere Frauen“ geschützt werden.

Aber der Islam vs Ethnopluralismus

 

Unter dieser patriarchalen Prämisse bringt man nun die Frauen gegen den konservativen Islam in Stellung. Dabei bringt die AfD ja durchaus richtige Punkte an. Jeglicher gesellschaftlicher Zwang zum Tragen des Kopftuches ist zu bekämpfen, insbesondere bei Minderjährigen. Die ultrapatriarchale Sexual- und Ehrmoral ist einfach nur rückständig und hat nichts mit freier Entscheidung zu tun. Nur geht es der AfD eben nicht darum. Es geht nicht um eine Befreiung aller Frauen vom Kopftuchzwang, sei er nun rechtlich, gesellschaftlich oder familiär. Nein, das AfD-Spitzenpersonal stellt immer wieder klar, dass es gegen Zustände wie im Iran nichts hat. Für Höcke kann der islamische Einflussbereich ruhig bis zum Bosporus, sprich dem Staatsgebiet der Türkei reichen. Was in Saudi-Arabien passiert mag er vielleicht nicht gut finden, ist aber nicht Gegenstand seiner Kritik.

In völkischen Kreisen wird der konservative Islam sogar als Verbündeter gegen die westliche Moderne gesehen. Volker Weiß hat dies in seinem Buch „Die autoritäre Revolte“ gut herausgearbeitet. Die Zustände dort sind ganz der Ideologie des Ethnopluralismus natürlich gewachsen und jedes Volk hat seinen Raum. Der Theorie des Politischen von Carl Schmitt folgend ist es auch völlig egal was in diesen einheitlichen Territorialstaaten passiert, solange sie nur eine kollektive Einheit darstellen. Man will schließlich wieder zurück in ein Europa der Völker, also der homogenen Volkskörper mit ihren angeblich natürlich gewachsenen Kulturen. Diese sollen erhalten bleiben.

Aber bloß keinen Feminismus

 

Und da stört dann eben der Feminismus, da er die Befreiung der Frauen (und eigentlich aller Menschen) von ihren völlig überholten, im Auge der Rechten aber natürlichen, Rollenbildern vorsieht und eine absolute gesellschaftliche Gleichstellung einfordert. Dazu müssen patriarchale Machtstrukturen und geschlechtsspezifische Diskriminierungen – welche hauptsächlich nicht die Männer treffen – bekämpft und aufgehoben werden. Der Feminismus ist also ein klarer Feind für die kleingeistige Rückwärtsgewandheit der Konservativen, Völkischen und Faschisten. Der Einsatz FÜR die Frauen geht hier nur so weit wie Homogenität des deutschen Volkskörpers und die Wahrung einer vermeintlichen traditionellen Kultur bedroht sind. Wollen sich diese von den reaktionären Vorstellungen emanzipieren wird GEGEN die Frauen gearbeitet. Du brauchst kein Kopftuch tragen, dafür sollst du aber nicht mehr als die Hausarbeit machen dürfen. Na gut, maximal noch Careberufe und Reproduktionsarbeit.

Aber der Islam vs hier ist ja alles tutti

 

Aber nicht nur im rechten Spektrum ist der Einsatz für die Sache der Frauen ein instrumenteller. Im Zuge der Iranproteste zu um den Jahreswechsel herum gab es diverse Solidaritätsbekundungen mit den Frauen dort zu sehen, die sich gegen den Kopftuchzwang stellten und physische Repression riskierten, in dem sie es ablegten. Um die Welt ging das Bild der Frau, die ihr Kopftuch auf einem Stock hochhielt. Inzwischen ist sie verhaftet worden. Viele Personen teilten dieses Bild und solidarisierten sich. Viele von ihnen meinen es mit dem Feminismus aber auch nur so weit ernst, wie er gegen den Islam in Stellung gebracht werden kann.

Kommt die Sprache dann mal auf sexuelle Gewalt hier, auf patriarchale Strukturen, strukturelle Benachteiligung, auf das Recht am eigenen Körper und sexuelle Selbstbestimmung oder gar die #metoo-Debatte sieht es wieder düster aus. Dann soll man sich nicht so haben. Ist ja alles gar nicht so schlimm. Und Patriarchat gibt es ja heute gar nicht mehr, höchstens ein paar vernachlässigbare Überbleibsel. Diese ganzen Feminazis sollen mal nicht übertreiben. Die neue Formulierung des Vergewaltigungsparagraphen in Schweden ist ja auch so völlig übertriebener Schwachsinn. Gender Pay Gap? Man soll sich mal lieber um den Iran kümmern, dort geht es den Frauen schlecht!

Aber bloß kein Feminismus

 

Man selber ist natürlich überhaupt nicht sexistisch, aber diese hässlichen Feminismusbratzen machen sich absichtlich noch hässlicher. Vermutlich eh alle untervögelt. Und dann auch dieses #metoo. Jetzt darf man ja nicht mal mehr ne Frau anquatschen ohne direkt Vergewaltiger zu sein. Mir wurde auch schon mal an den Hintern gegrapscht und heul ich rum? Schaut euch mal Saudi-Arabien an, da gibt es Probleme. Aber hier doch nicht. Und die AfD mag man auch nicht wirklich, aber mit dem Islam meinen sie es immer ernst. Um diese ganzen untervögelten hässlichen Feminismusopfer zu triggern postet man noch schnell ein Bild von zwei Frauen in USA-Bikinis mit Waffen in der Hand, so geht Emanzipation wirklich! Und die Jukebox bekommt noch zwei Euro, damit die fesche Bedienung noch mal mit ihrem Hintern wackelt.

Die Sache ist klar: Feministische Standpunkte sind nur solange von Interesse, wie sie nicht das eigene Dasein berühren. Wenn man dann mal selber an sich arbeiten müsste und zudem noch eingestehen, dass man vielleicht doch oftmals ein ziemlich sexistisches Arschloch gewesen ist, dann steigt man aus. Dann ist der Feminismus wieder schlecht. Dann wird gerne aktiv dem Antifeminismus gefrönt. Dann ist die Sache der Frauen nämlich eine Bedrohung für das eigene Dasein.

Erlebnisbericht zu Rock am Ring und der Terrorwarnung

von Tom Lewis

Das Thema wurde im Netz ja von vorne bis hinten ordentlich diskutiert und alles und jede/r sah sich gezwungen seinen/ihren Senf dazu zu geben. Was dabei zu wenig gehört wurde: Die Leute, die dabei waren Dabei sollte man gerade denen zuhören, um ein gutes Bild zu bekommen.

Nun trifft es sich, dass ich selbst dabei war. Schön weit vorne bei den Broilers an der Hauptstage, als die Veranstaltung unterbrochen werden musste.

Zum Ablauf

Auch wenn sich der Veranstalter Lieberberg offenbar sehr darüber aufgeregt hat, dass die Polizei das Gelände räumen lassen wollte, fand ich persönlich dass das richtig war. Wie ich heute (nach Tagen ohne Internet) gelesen habe, gab es eine reelle Bedrohung und Festnahmen.

Auch die Security auf dem Gelände hat sich gut verhalten und alle ganz ruhig nach draußen geleitet. Die Securities waren aber eh verdammt cool drauf. An der Stelle also mal ein Lob an diese Leute!

Die Räumung selbst war dann absolut ruhig. Nach dem ersten Schock wandten sich alle langsam Richtung Ausgänge (bzw. zum nächsten Bierzelt; könnte ja das letzte Bier sein) und verließen das Gelände. Die meisten Leute waren enttäuscht. Wirklich jemanden mit Angst im Gesicht habe ich kaum gesehen. Viele sangen dabei und es sah nicht aus, als hätten wir gerade eine Terrorwarnung bekommen. Eher als sei gerade ein Konzert zu Ende gegangen.

An dieser Stelle muss ich jetzt auch die Band Broilers loben, denn die haben das Ganze einfach nur souverän gemeistert. Der Sänger Sammy wurde zweimal Backstage gerufen und die Band spielte instrumental weiter. Ich gehe also davon aus, dass die Veranstalter ihm bereits vorher Bescheid gegeben haben. Das letzte Lied, das vor dem Abbruch gespielt wurde, war dann ein langsames Lied, in dem es darum geht, wie wir derer gedenken, die von uns gegangen sind (Broilers – „Ihr da oben)“. Das war kein Zufall und es war gut ausgesucht.

Wir waren also schon, was die Stimmung angeht ruhiger, als wenn man vorher einen Song gespielt hätte, zu dem man nen ordentlichen Moshpit eröffnet hätte. Diese Gelassenheit verflog auch nicht, als wieder alle auf den Zeltplätzen ankamen. Dort wurde weitergefeiert und Lauter Grüppchen zogen mit eilig gebastelten „Saufen gegen Terror“ Schildern umher.

Die Berichterstattung

Als ich mir dann am nächsten Morgen mühsam einen Platz mit Internetverbindung gesucht hatte, las ich dann u.a. die Artikel von der Welt und vom Focus. Schlechte Quellenwahl für solche Themen. In den Kommentaren wütete „das Folk“™ und ich habe nach kurzem counter-pöbeln mein Handy wieder ausgemacht. Konnte mir den rechten Auflauf nicht geben und habe mich meinem Frühstücksbier gewidmet.

Die mediale Berichterstattung insgesamt, auch jetzt noch einmal nachträglich betrachtet, fand ich persönlich viel zu reißerisch. Wenn man sich den Welt Artikel und die Schlagzeile dazu durchliest, vermutet man eine Massenpanik. Das Ganze wurde dann schön hochgeschaukelt und scheinbar haben sich wieder alle den Mund fusselig geredet, während wir am Ring einfach gechillt weiter gefeiert haben.

Natürlich muss darüber berichtet werden. Aber man hätte das ganze auch ohne reißerische Titel machen können. Hier appelliere ich an journalistische Sorgfaltspflicht. Wir auf den Zeltplätzen waren einfach mal weitaus ruhiger und gelassener, als alle, die an ihren Computern saßen und da irgendeinen Müll in die Tastatur gekloppt haben.

Wie gesagt, die meisten waren einfach enttäuscht. Vor allem weil Rammstein nicht spielen konnte, viele jedoch genau für diese Band überhaupt gekommen sind.

Die Zeit danach

Was macht man nach einem Terroralarm?
Es muss weitergehen. Immer. Und genau das ist passiert. Wir saßen morgens auf dem Zeltplatz und haben auf die Nachricht gewartet, dass es weitergeht. Die Broilers wurden dann Samstag Abend nochmal für eine Stunde ins Programm eingeschoben und am Sonntag spielte auch Marteria, dessen Show ebenfalls ausfiel, für eine Stunde. Und das obwohl er Abends dann, vier Stunden später, bei Rock im Park aufgetreten ist. Respekt also an alle, die das möglich gemacht haben, dass wenigstens diese beiden noch auftreten konnten.

Auch hier wieder spezielles Lob an die Broilers. Am Tag nach dem Abbruch haben zwar viele Künstler etwas dazu gesagt (Ingo von den Donots und Campino von den Toten Hosen z.B.) und dabei fand ich das, was Sammy von den Broilers zu sagen hatte verdammt gut formuliert und sehr wichtig:(https://www.youtube.com/watch?v=yQJIsoCXANw ab 03:38)

Heute habe ich mich dann mit allen möglichen Leuten auseinandergesetzt, die nicht dabei waren, aber meinten das ganze für ihren rassistischen Dreck instrumentalisieren zu müssen. Schlauer bin ich nun, nach Diskussionen mit AfDlern nun nicht. Nur Kopfschmerzen habe ich. Ich kann es einfach nicht lassen denen zu widersprechen. Auch wenn es mühsam ist, muss es doch sein…